Ein Stadtgang: Triest

4. Sep 2015

Eine Ausstellung, ein Buch und die Entdeckung des alten „Mitteleuropa“

Seit geraumer Zeit kann man beobachten, oder wenn man aufmerksam Zeitung liest, dass nahezu keine Woche vergeht, in der nicht die Stadt zum Thema eines längeren Zeitungsartikels ist. Es geht allgemein um die Zukunft der Städte, ihr Anwachsen zu Metropolen, ihre baldige Unbewohnbarkeit, die größeren und kleineren Aktionen und Strategien, die Städte attraktiver zu machen.  Und dann gibt es Stadtthemen, die sich z.B. mit fast vergessenen Städten beschäftigen …

Und das ist besonders dann interessant, wenn damit nicht nur die betroffene Stadt selbst gemeint ist, sondern gleich das ganze Mitteleuropa, nämlich das, was in all seinem Reichtum vor den beiden Weltkriegen bestand: Triest. Sie war der Seehafen eines Imperiums, das Reich der Habsburger. Hier lebte James Joyce als Sprachlehrer, Franz Kafka bewarb sich um eine Stelle bei einer Versicherung und oben am Hang lebte der Farbenfabrikant Ettore Schmitz, der sich als Schriftsteller Italo Svevo nannte.

Triest war also eine Großstadt, der Hafen größer als der Venedigs, weitreichende Schiffsverbindungen, Eisenbahnverbindungen, modern in jeder technischen Hinsicht. Aber diese Stadt ging unter mit dem Ersten Weltkrieg, verlor ihre Bedeutung trotz aller Modernität. Um mehr über diese Stadt zu erfahren kann man nunmehr zwei Dinge tun: die erste Möglichkeit ist eine alte, bekannte, nämlich das Buch über Triest von Claudio Magris lesen, seine Heimatstadt. Danach wird man so wie er dem Gedanken nachhängen, dass hier die Idee von „Mitteleuropa“ zu Hause zu sein schien, Handel und Kultur östlich von Warschau oder Wien. Der Vertrag von Jalta hat dies zerstört. Die Hoffnung, dass mit dem Ende des sowjetischen Imperiums und der jugoslawischen Bürgerkriege die alte Metropole Triest wieder zum Leben erweckt werden könne, hat sich nicht erfüllt, andere Verkehrswege haben sich herausgebildet, das Leben ging weiter.

Startseite

Wieder auferstehen lassen kann man aber ein paar Bilder, Erinnerungen an große Kultur. In Triest gibt es derzeit eine Ausstellung über dieses alte Triest: La grande Triest. 1891 – 1914. Als Ausstellungsort hat man die alte Fischmarkthalle hergerichtet, damals ein Zeichen für modernes Bauen. Groß aufgezogene alte Fotografien vermitteln fast die alte städtische Umgebung, dazwischen, in alten Fischkästen verschiedene Zeugnisse der großen alten Zeit. Da man nun aber sicherlich nicht eben mal so nach Triest fahren kann (und will), kann man sich wenigstens einen Eindruck von dieser Ausstellung verschaffen. Auf den Seiten des Ausstellungsortes salone degli incanti  kann man sich per Film einen Eindruck verschaffen, wie diese Ausstellung in die alte Fischmarkthalle eingezogen ist. Sicherlich weitaus interessanter sind einige Exponate, die man auf der zur Ausstellung gehörenden Webseite anschauen kann: La grande Trieste. Texte und viele schöne alte Fotos aus Triest geben einen guten Eindruck von der Ausstellung und dem alten Triest. Und ja, das Ganze gibt es auch auf Deutsch, man muß es auf der Startseite nur auswählen. In 10 Kapiteln erfährt man etwas zu den historischen Hintergründen, dem Hafen, der Kunst und Kultur, dem slowenischen Nachbarn, die Möglichkeiten der Fotografie und, Dank des berühmten Arbeitssuchenden Franz Kafka, auch etwas über den Assicurazioni Generali.

Natürlich ist ein Ausstellungsbesuch durch eine Webseite nicht zu ersetzen, aber unter der zusätzlichen Zuhilfenahme des Buches von Claudio Magris, bekommt man doch einen ganz schönen Einblick und Eindruck in eine untergegangene Welt. Und warum nicht auch einmal einen solchen Stadtgang unternehmen, bei dem man getrost die Beine hochlegen kann.

Ellen Salverius-Krökel

 

 

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