Leipziger Buchmesse 2019

28. Mrz 2019

Gastland ist Tschechien

(esk) Es ist wieder Buchmesse, die Leipziger Buchmesse. Auch die Shortlist für den Buchpreis steht fest, es kann also gelesen werden, hier wie dort. Was sonst? Ach ja, das Gastland ist Tschechien, ein Literaturland par excellence, viele herausragende Autoren und viele ebensolche Bücher. Wir zeigen Ihnen, wo Sie am besten fündig werden.

Lesen Sie tschechische Literatur oder haben Sie  welche gelesen? Sicherlich Milan Kundera, oder Pavel Kohout, wenn auch von letzterem nicht unbedingt den besten „Krimi“ aller Zeiten (Sternstunde der Mörder), denn der ist schon ziemlich grausig; oder Vaclav Havel, Bohumil Hrabal, Jaroslav Hašek. Alles literarische Heroen des 20. Jahrhunderts in Tschechien. Nun kommt Tschechien als Gastland der Leipziger Buchmesse aber vor allem mit seiner Gegenwartsliteratur, 55 Autoren-/-innen und um die 70 Neuerscheinungen sowie rund 130 tschechische Veranstaltungen auf der Buchmesse. Dazu gehören eine spektakuläre Installation auf dem Messegelände, Konzerte, Filmpräsentationen sowie zahlreiche Lesungen, szenische Darbietungen und Diskussionen in der Stadt und auf dem Messegelände. Der rote Faden des Gastlandprogramms ist das dreißigjährige Jubiläum der Wende in Mittel- und Osteuropa.

Mit anderen Worten, die Zahl der Titel ist groß, die Mühe der Auswahl schwer. Einen guten Überblick über Gastland und Literatur bietet sicherlich die eigene Webseite „Ahoj“ des Gastlandes. Und soviel sei schon hier gesagt, es gibt eine ganze Reihe von Titeln, die sich mit dem Zustand, der Krise Europas auseinandersetzen. Ein Titel, Jaroslav Rudiš “ Winterbergs letzte Reise“hat es auf die Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse geschafft und ist auch schon mehrfach in den Medien besprochen worden, Rezensionsnotizen findet man hier Winterbergs letzte Reise

Noch schlechter bestellt ist es (wohl) um unsere Kenntisse zu den tschechischen Autorinnen, also etwa die nun schon öfter im Feuilleton anzutreffende Radka Denemarková, wenn auch nicht immer geliebt. Wo sie auf der Buchmesse zu sehen und zu hören ist, findent man z.B. hier Radka Denemková

Nach Leipzig fahren?

Die Leipziger Buchmesse ist in vielfacher Hinsicht besonders: es ist eine ausgesprochene Publikums-, also Lesermesse, sie ist überlaufen, also sehr, sehr viele Menschen kommen nach Leipzig, es gibt eine scheinbar unendliche Menge an Lesungen, und damit auch leibhaftigen Autoren, und es gibt leider sehr sehr wenige günstige Hotelzimmer in der Stadt. Und dann gibt es sicherlich auch nicht wenige Menschen, etwa so wie mich, die nicht so ohne Weiteres nach Leipzig fahren können oder wollen: Was also tun? Nun, das Messe-Flair, die Lesungen u.ä. kann man nicht online zu den Lesern transferieren, aber man kann manches, die Literatur, das Gespräch darüber, per Internet oder am heimischen Radio verfolgen. Und dann gibt es ja noch die eine oder andere Fernsehsendung am Ende der Messe. Leider, und das weiß ich aus eigener Erfahrung, ersetzt das alles nicht den Genuß der Messe und der zahlreichen Lesungen in der Stadt. Aber: zu Hause kann man auf jeden Fall besser lesen, nur, ob die Buchhändler all das haben, was man gerne lesen würde, das bleibt die andere spannende Frage, vor allem, wenn man denn lieber erstmal reinlesen würde bevor man kauft.

„Die Wiederherstellung der Nähe“

„Die globalisierte Welt hat unsere Aufmerksamkeit irgendwo hinter den Horizont abgezogen und wir haben ein bisschen vergessen, wie wichtig Nachbarschaft ist, welche auf Nähe und dem gegenseitigen Kennenlernen beruhen sollte. Die Wiederherstellung der Nähe ist also eines der wichtigsten Ziele des Tschechischen Jahres.“ So die Worte des Projektleiters Gastland Tschechien auf der Leipziger Buchmesse 2019 und Direktor der Mährischen Bibliothek (Brno), Prof. Tomáš Kubíček. Und er meinte dabei vor allem die deutsch-tschechische Nachbarschaft, die sicherlich in ferner Vergangenheit in ihren Anfang nahm, sondern er spielt an auf die Zeit des europäischen Expressionismus, der vor allem durch den Austausch zwischen Prag und Berlin Gestalt bekam. Und dann natürlich die Prager deutsche Literatur, Kafka – Meyring – Rilke, ohne die beide Literaturen nicht zu denken wären. Oder dann die Zeit des Nationalsozialismus, in der die freundschaftlcihen Beziehungen so deutlich wurden, konnten dochg zahlreiche deutsche Autoren in der Tschecheslowakei Zuflucht finden, wenn auch nur für kurze Zeit. Erwidert wurde dies dann während des zweiten Totalitarismus  in der Tschecheslowakei, als Autoren wie Klima, Kohout, Havel Grusa, Kundera nicht nur Zuflucht in Wesrtdeutschland fanden, sondern auch fester Bestandteil der deutschen Verlage wurden. Da gab es wunderbare Romane, ein regelrechter Hype. Es war das Überleben tschechischer Literatur, jedenfalls solcher, die sich dem politsichen Druck nicht preisgeben wollte. Das kann man alles in allem Freundschaft nennen, Nähe, die sich auch in der gegenwartsliteratur fortsetzt. Ähnliche Themen, die aber nicht die Angst nimmt, dass die Distanz beider Kulturen dennoch zunimmt, weil anderswo auf der Welt große Probleme unsere Blicke und Aufmerksamkeit einfordern. Gut ist das nicht, nicht für uns und nicht für unsere Freundschaft. Da hat er recht, das sollte und kann man vielleicht mit Hilfe der Literatur wieder in mehr Nähe verwandeln. Also, lesen Sie doch mal wieder ein bißchen mehr tschechische Literatur, die aller Generationen und Genres.

Eine Bücherliste bietet z.B. das Tschechische Zentrum in Berlin

Ebenfalls eine ganz Fülle von Titeln inkl. Klappentext und Rezensionsnotizen gibt es beim Kulturmagazin Perlentaucher: Tschechische Literatur

Und dann natürlich auf den Seiten des Gastlandes bei der Leipziger Buchmesse Ahaoj!

Ein interessantes Interview mit dem Schriftsteller und Journalisten Martin Becker (Deutsch-Tschechischer Journalistenpreis 2017) zur tschechischen Literatur kann man bei mdr KULTUR nachhören  Zwischen Kafka, Havel und Hasslisten

Wer mehr vom oben zitierten Direktor der Mährischen Bibliothek und Projektleiter des Buchmesse-Auftritts, Prof. Tomáš Kubíček, zum Thema tschechische trifft deutsche Literatur usw. lesen möchte, der findet einen ausführlicheren, sehr lesenswerten Text bei der Büchergilde Gutenberg im aktuellen Magazin auf den Seiten 9 und 10: Die Wiederherstellung der Nähe  Eine thematische Einordnung der tschechischen Gegenwartsliteratur findet man hier: Tschechische Gegenwartsliteratur , kurz und knapp, aber sehr gut.

Und zwei Reden:
Pressekonferenz am 27. Nov. 2018 in Berlin – über die Nachbarschaft der deutschen und tschechischen Literatur
Milan Kundera und Bohumil Hrabal – Rede zur Eröffnung einer internationalen Konferenz in der Universität Leipzig

Wer dann immer noch nicht genug hat von der tschechischen Literatur, mag meim MDR lesen, hören und sehen: Tschechische Literatur beim MDR KULTUR

Ach ja, und da ist auch noch die Slowakei, nicht mehr Teil Tschechiens, mit herausragender Literatur, hören oder lesen Sie doch mal beim DFK:
Der Autor Michal Hvorecky über die Stimmung in der Slowakei „Viele wünschen sich einen anderen Weg“. Und natürlich geht es auch um die slowakische Literatur.

Noch Fragen? Ach so, morgen Abend wird die Leipziger Buchmesse eröffnet. Alle Infos dazu findet man hier: Leipziger Buchmesse 2019   Die Webseite des Gastlandes Tschechien hier Ahoj!

Ellen Salverius-Krökel

 

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