Rückblick Buchmesse: nochmal Finnland

2. Apr 2015

finnland cool   (esk) Die Buchmesse ist vorbei, über das Messegeschehen kann man vielleicht noch resümieren, aber in Kürze ist  das Vergangenheit. Was aber bleibt, ist die Literatur des Gastlandes Finnland. Viele Berichterstatter haben in den letzten Tagen über ein „sprödes Land“ und/oder eine „spröde Literatur“ gesprochen. Solch ein Urteil fand ich, trotz aller Unkenntnis, eher unangemessen. Denn kann man sich  wirklich zu solchem Urteil aufschwingen?

Ich muß gestehen, dass ich mich um diese Literatur bisher eher wenig gekümmert habe, und über die Geschichte des Landes weiß ich das, was die Schule und später die Medien mir nahe gebracht haben. Aber ist das ausreichend, ausreichend um die finnische Literatur zu lesen und zu verstehen? Die Buchmesse, und die Berichterstattung zur finnischen Literatur hat mir deutlich gemacht, dass ich Nachholbedarf habe. Am deutlichsten aber wurde mir dies durch eine kleine Broschüre …

Die Berichterstattung zum Gastland Finnland habe ich mit Sicherheit nicht komplett gelesen, gehört oder gesehen. Hängen geblieben ist bei mir aber, s.o., meine Unkenntnis über Land und Literatur. Und die Frage, ob ich mich mehr damit beschäftigen will, oder soll, oder ob ich es einfach auf sich beruhen lassen und mich (lieber) dem neuen Literatur-Nobelpreisträger widmen sollte.

Ich war dann aber zunächst mal, wie jedes Jahr, auf der Buchmesse. Der Samstag reicht eigentlich nie, um alle Interessensgebiete ausreichend zu bedienen. Aber der Sonntag ist in den Messehallen dann doch eher wenig erträglich. Und Bücher will ich dort auch nicht kaufen. Das Thema Finnland war dann auch nicht wirklich zu bedienen, entweder war ich zur Unzeit an den Ständen, an denen finnische Autoren zugegen waren, oder es war einfach alles zuviel – zuviele Menschen, zuviel Lärm, zuviel von dem, was einen daran hindert zuhören zu können. Also beschloss ich, mich doch wieder zu Hause lesend und hörend kundig zu machen.

Und dann, ich war eigentlich schon dabei die letzte Halle mit schöngeistiger Literatur zu verlassen, erwischte ich eine kleine Broschüre mit dem Titel „Der Weihnachtsmann spricht Finnisch“ von Sofi Oksanen, der finnischen Autorin mit estnischen Wurzeln. Was ich da gegriffen hatte, sah ich erst zu Hause und hatte mich dann schnell festgelesen, trotzdem es sich „nur“ um die Eröffnungsrede von Oksanen auf der Buchmesse handelte. Ich habe selten – lesbar! – auf acht Seiten so viel über ein Land erfahren, geht es doch um nichts weniger als die finnische Geschichte, die Sprache, die Literatur: um die Finnlandisierung und Karelien, das Nationalepos und die deutsche und sowjetische Besatzung, die Frage was das alle mit Estland zu tun hat, es geht um die Frage, warum Entstehung und Bedeutung der finnischen Literatur etwas mit der Frauenbewegung zu tun hat und dies wiederum mit der Unabhängigkeit des Staates und warum die finno-ugrischen Sprachen von Wladimir Putin nicht geschätzt werden. Und in diesem Zusammenhang war ich ganz besonders dankbar, dass diese kleine Broschüre auch eine Karte enthielt, die das Verbreitungsgebiet der finno-ungrischen und samojedischen Sprachen enthält. So war alles beisammen, mehr brauchte es nicht, um den Horizont mal wieder zu weiten.

Es ist also eine hochpolitische Rede, auch wenn es eigentlich um Literatur und Sprache geht. Aber wo auf dieser Welt kann man das schon trennen? Finnland bietet uns gerade hier einen sehr guten und intensiven Blick auf einen Teil Europas, der uns geografisch vielleicht nicht so besonders nah ist, historisch und politisch aber eminent wichtig und ungeheuer nah ist.

Wer jetzt Lust bekommen hat, auch diese Eröffnungsrede zu lesen, der kann sie auch im Internet finden, wenn auch ohne Karte:

Eröffnungsrede Buchmesse 2014 Sofi Oksanen

Dort wird dann auch aufgelöst, warum der Weihnachtsmann Finnisch spricht – und warum wir ohne die Entwicklung der finnischen Sprache heute wahrscheinlich nicht J.R.R. Tolkiens Herr der Ringe hätten. Also, viel Vergnügen bei dieser kleinen Lektüre!

Und ich will mich nun auf jeden Fall um die finnische Literatur kümmern, als erstes werde ich von Karl August Tavaststjerna Harte Zeiten lesen. Wer auch gerne mehr finnische Literatur lesen will, sich aber noch ein wenig kundig machen möchte, der/die findet viele Informationen auf der Webseite Finnland.Cool, z.B. gibt es dort einen Schnupperkurs zur finnischen Literatur.

Ellen Salverius-Krökel

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Ein Kommentar zu “Rückblick Buchmesse: nochmal Finnland”

  1. Margret sagt:

    Danke für den aufschlussreichen Beitrag. Jetzt habe ich einen ganz kleinen Einblick über dieses mir vorher fremde Land bekommen und über die Links bin ich auf Seiten gekommen, an denen man sich „festbeißen“ kann. Sofort hat mich Dein eigenes Lesevorhaben angesprochenen und nach weiterem Stöbern macht mich diese Rezension der Uni Mainz
    http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=19857 neugierig auf das Buch, um mein Wissen über dieses Land und diese Zeit aufzufüllen. Ich werde es mir bald besorgen.
    Es würde mich interessieren, ob noch jemand mitliest.

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