Advent 2022 – Reisen in die Ukraine, 21

31. Jan 2023

Wieder- und neu zu entdecken: jiddische Literatur der Ukraine

Kennen Sie jiddische Literatur, jiddische Autoren der Ukraine? Vielleicht aber jüdische Autorinnen und Autoren der Ukraine des 20. Jahrhunderts, also Paul Celan, Rose Ausländer, Joseph Roth, Soma Morgenstern, Selma Meerbaum-Eisinger, Manès Sperber, Bruno Schulz, Scholem Alejchem, Ilja Ilf, Isaak Babel oder Ilja Ehrenburg? Sie haben ihre Wurzeln eben dort, im „Jiddischland“.

Die Geschichte und Kultur der Ukraine wurde in großem Maße auch von der jüdische Kultur geprägt. In der Ukraine, so kann man z.B. auf den Seiten des Jüdischen Museums zu Berlin lesen,  lebte einst die zweit­größte jüdische Be­völkerung Europas, un­zählige Gemein­schaften, geprägt von vielen Ein­flüssen zwischen dem Zaren­reich im Osten und der Habs­burger Monarchie im Westen, von der säkularen Moderne in den Groß­städten über das traditions­treue Schtetl, von der freien Handels­stadt Odessa am Schwarzen Meer bis zur intellek­tuellen Me­tropole Charkiw. So gab es etwa Mitte des 19. Jahrhundertsein ein vom russischen Zaren festgelegtes Siedlungsgebiet, einen schamlen Korridor am westlichen Rand des Russischen Reiches, der von der Küste Litauens bis zum Schwarzen Meer reichte und in dem zwischen 1835 und 1917 bis zu 5 Millionen Juden wohnten, mit überaus stark eingeschränkten Rechten.

Über das Judentum in der Ukraine, insbesondere den Chassidismus kann man ebenfalls auf den Seiten des jüdischen Museums nachlesen. Besonders hervorzuheben ist aber auch die jiddische Literatur, die zur großen europäischen Literatur gezählt werden muß. Viele berühmte jüdische Autoren kamen aus Czernowitz, Hauptstadt der multilingualen Bukowina am östlichen Rand des Habsburgermonarchie. Hier entstanden auch viele Werke auf Deutsch, zu nennen wären etwa Rose Ausländer, Paul Celan, Selma Meerbaum-Eisinger. Warum gerade Czernowitz, das kann man hier nachlesen; einen längeren Artikel, Jerusalem am Pruth , findet man ebenfalls auf den Seiten des Jüdischen Museums Berlin.

„Bäume aus heiligen Buchstaben streckten Wurzeln / von Sadagora bis Czernowitz / der Jordan mündete damals in den Pruth…“   (Rose Ausländer, Der Vater (Ged.), in: Dies.: Die verlorene Harfe. Eine Anthologie deutschsprachiger Lyrik aus der Bukowina / Hg. von Peter Rychlo. Černivci, 2002, S. 180. )

Mendele Moicher Sforim

Das 20. Jahrhundert ist als ‚goldenes‘ Zeitalter der jüdischen Kultur und zugleich als ‚aschgraues‘ Zeitalter der Massenmorde an den europäischen Juden in die europäische Kulturg eschichte eingegangen. Es gibt einen Roman mit dem Titel „Blondzhende Stern“, sein Autor ist vielen Leserinnen und Lesern vielleicht bekannte Scholem Alejchem, ein Klassiker der jiddischen Literatur. Aber natürlich gab es auch schon vorher, etwa im 19. Jahrhundert große jiddische Literatur, etwa Scholem Yankew Abramovitsh, der am heutigen 21. Dezember seinen 187 Geburtstag feiert, der aber unter dem Namen Mendele Moicher Sforim, Mendele der Buchhändler auf deutsch, bekannt geworden ist. Eines seiner großen Romane ist „Die Reisen Benjamins des Dritten“, oder aber auch „Der Wunschring“, „Fischke der Lahme“ oder „Die Mähre“. Heute leider in Vergessenheit geraten.

 

Die Autorinnen und Autoren des 20. Jahrhunderts haben dagegen den Weg auf die großen europäischen Bühnen gefunden, wenn vielfach auch gezwungenermaßen, haben sich außerhalb ihrer ukrainischen Heimat in den großen Städten niedergelassen und durchziehen mit ihren Namen die jiddischen, hebräischen, deutschsprachigen, russischen, polnischen, rumänischen, ukrainischen Literaturgeschichten scheinbar selbstverständlich.

Lesen wir also wieder oder endlich diese große Literatur, es ist viel zu entdecken und zu erfahren über das jüdische Leben in der Ukraine. Vier Werke des Mendele Moicher Sforim findet man auf den Seiten des Projekt Gutenberg, wenn auch in älteren Übersetzungen. Eine Neuübersetzung von Scholem J. Abramowitsch „Die Reisen Benjamnins des Dritten“ gibt es seit 2019 im Buchhandel, darin ein sehr lesenswertes Nachwort der Übersetzerin Susanne Klingenstein. Wer sich lieber erstmal mit den deutschsprachigen Autoren beschäftigen möchte, könnte z.B. zu  Joseph Roths Reisereportagen aus Osteuropa greifen, was nicht das gleiche ist, aber uns auch heute noch durchaus Erhellendes vermitteln kann.

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