Einwanderer in Kanada

23. Feb 2016

Ein persönlicher Bericht von Berndt G.

(wabi) Der verlorene Krieg 1945, eine Berufswahl, die in der Währungsreform 1948 ihren Sinn verlor und der Lockruf einer Zukunft jenseits des großen Wassers an grünen Ufern, ließen mich und meine junge Braut Irmel, den Entschluss fassen,  „unsere Kartoffeln ins Eis zu stupfen“, wie der Grossvater treffend zu sagen pflegte. Vorher jedoch wurde geheiratet, denn das kanadische Konsulat in Karlsruhe bevorzugte damals Eheleute mit Trauschein.

Im Juli 1952 fand die standesamtliche Trauung statt und eine Woche später, nach erfolgter Vorstellung in Karlsruhe, die kirchliche. Danach begann die endlose Warterei auf das unumgängliche Ausreise-Visum,  das uns, so könnte man auch sagen, die Vorfreude auf unser erstes Kind verkürzte. Denn beinahe ein Jahr mussten wir noch in Deutschland mit Warten und Zur-Arbeit-Gehen verbringen. Als aber im Juli 1953 endlich das ersehnte Ausreise-Visum eintraf, da zog der Storch einen dicken Strich durch unsere Pläne, gemeinsam auszureisen. Denn der Schwiegervater bestand darauf, dass der werdende Vater erst mal alleine die große Reise in eine ungewisse Zukunft unternehmen solle. Natürlich geschah es auch so. Noch vor dem Abschied von ihrem Ehegatten siedelte Irmel zu ihren Eltern zurück, um in deren Liebe das Kindlein „auszubrüten“.

IMG_2368Wohl oder übel musste ich mich alleine auf den Weg nach Bremen-Lesum ins Auswanderer-Lager begeben, um dort die letzten, noch nötigen Formalitäten zu erledigen. Alleine bestieg ich den „MS-Beaverbrae“, einen Canadian-Pacific-Dampfer, bzw. ein umgebautes ehemaliges U-Boot-Versorgungsschiff, das als Reparation an Kanada übergeben worden war. Den ersten Hochzeitstag beging ich als junger Ehemann ganz allein und sehr schlicht an Bord des spartanisch ausgestatteten Schiffes mit Kurs nach Quebec (Kanada). Zusammen mit mir reisten einige hundert Auswanderer, 5000 Tonnen Zement und eine Ladung der ersten, nach Übersee ausgeführten Volkswagen (VW). Die Verpflegung, nach Kommis-Art gekocht, wurde ebenso dargereicht und auch so verzehrt.

Solange das Wetter dem Schiff und seiner Ladung freundlich gesinnt war, ging alles gut. Aber nach ein paar Tagen kam ein scharfer Sturm auf, der das große Schiff zu einer kleinen Nußschale werden ließ – jedenfalls kam es mir das so vor. Die in fünf Stockwerken übereinander geschichteten Kojen steckten voll von seekranken Menschen und ich lernte schnell, solchen aus dem Weg zu gehen, die gerade Neptun opfern wollten, um selbst nicht „betroffen“ zu sein. Mir ging es nicht ganz so schlecht. Einmal stand ich an der Reeling und war eben dabei, ein rassiges Sturmbild mit meiner Paxette einzufangen, als ich plötzlich einen „Segen“ von oben bekam. Da war’s um mich geschehn!

Drei Tage dauerte der fürchterliche Sturm. Als er sich etwas gelegt und die Besatzung sich einigermaßen erholt hatte, ertönte der heiß ersehnte Ruf „Land!“ Tatsächlich, wir befanden uns bereits in der Street of Belle Isle, also zwischen dem nordamerikanischen Kontinent und der großen Neufundland-Insel. Nun konnte es nicht mehr lange dauern, bis wir im Hafen von Quebec anlegten. Allerdings verloren wir noch einmal die Sicht aufs Festland, schwammen wie auf hoher See und bekamen so eine Vorstellung von der immensen Größe des Golfs von St. Lorenz. Weiter ging es den St.-Lorenz-Strom aufwärts. Eifrig wurden die beidseitigen Ufer von uns Einwanderern beobachtet, so als ob diese Zeichen sein könnten für das Leben in Kanada.

Erfüllt von teilweise undefinierbaren Hoffnungen betraten die Menschen am 20. Juli 1953 in Quebec City kanadischen Boden und erhielten fortan die Bezeichnung „gelandeter Immigrant“. Die Luft roch anders, vielversprechender, besonders nach dem ewigen Dieselgestank auf dem Dampfer. Die kanadischen Einwanderungs- und Zollbehörden waren sehr zuvorkommend, aber selbstverständlich nur auf Englisch oder Französisch.

Da viele Einwanderer beide Sprachen nur bruchstückhaft oder gar nicht beherrschten, packte ich die Gelegenheit beim Schopfe und half den Beamten als Übersetzer. Obwohl ich dafür kein Entgelt nahm, ergab sich aus der interessanten Arbeit der erste Job im neuen Land. Als alle Einwanderer abgefertigt waren, legten die freundlichen Zöllner Cent für Cent zusammen und überraschten und beglückten mich mit der Überreichung meiner ersten selbstverdienten Dollars, nämlich fünf, als Dank für meine Hilfe.

Aber damit nicht genug. Die hilfsbereiten Zöllner erkundigten sich nach weiteren Plänen und rieten mir, nicht wie ich ursprünglich geplant hatte, in Quebec, sondern in Montreal als Juwelier mein Glück zu versuchen. Als Gründe nannten sie meine ungenügenden Französischkenntnisse und die Tatsache, dass Montreal ungleich mehr Möglichkeiten in meinem Fach bieten würde. Außerdem stünde gleich neben dem Kai der Einwandererzug nach Montreal bereit, den sofort zu besteigen ich nicht zögern solle. Also schnell in den Zug, der entlang dem St. Lorenz-Strom 275 km lang die ganze Nacht hindurch leise „klicketi-klack“ machte. Heute noch, nach vielen, vielen Jahren bestätigt sich noch immer, wie gut der Rat der Zöllner war. Offensichtlich wussten sie gut, wovon sie sprachen.

IMG_2366,aWelch ein Glück, dass mein Bruder Hanno und dessen Frau mich noch „für alle Fälle“, wie sie sagten, mit der Adresse eines Freundes in Montreal ausgestattet hatten. Jetzt erinnerte ich mich daran am Tag der Ankunft in Montreal. Wir Einwanderer durften in der Frühe, so gegen 5.30 Uhr,  die Bahnstation verlassen. Man hatte uns wohlweislich über Nacht im Zug zurückgehalten. Ich kannte weder die Größe der Stadt noch ihre Lage, aber der Hochsommer erfüllte mich voll Enthusiasmus. „So weit wird es schon nicht sein“ sagte ich zu mir, „nimmste mal einen Koffer mit“.  (Ich war mit zwei Koffern aus Deutschland ausgereist, die nur das Nötigste und meine Goldschmiedewerkzeuge enthielten.)

Eine Auskunft über die Richtung holte ich mir noch ein und dann machte ich mich auf den Weg. Der dauerte zwei Stunden und es war sehr heiß in der Frühsonne, bis ich bei seinen Bekannten ankam, die gerade ihr Frühstück zu sich nahmen. Beide kannten mich nicht und waren reichlich verblüfft, also sie von dem Problem erfuhren, das nun so plötzlich vor ihrer Tür stand.  Das Eis brach jedoch sehr schnell und Horst gab den guten Rat: „Kauf dir ’ne Zeitung und such erstmal einen Job, dann ein Zimmer. Den Koffer kannste solang hier lassen.“ Nach einem kleinen Frühstück machte ich mich auf die Suche.

Schon am Abend desselben Tages hatte ich Erfolg. Ich hatte sowohl einen Job als Goldschmied als auch ein Zimmer für fünf Dollar in der ersten Woche gefunden. Es waren dieselben fünf Dollar, die ich fürs Übersetzen von den freundlichen Zöllnern erhalten hatte. Mehr Geld hatte ich nicht. Nachdem ich meine beiden Koffer abgeholt und mein kleines Reich, nämlich ein Zimmerchen mit Balkon, eingerichtet hatte, unternahm ich einen Erkundungsspaziergang. Mein Zimmer  lag in einer Vorstadt von Montreal, umgeben von großen Parkanlagen und zahlreichen Baumalleen. Diese Umgebung sagte mir zu.

Die Zimmerwirtin war Krankenschwester von Beruf. Sie bot mir gleich Platz in ihrem Kühlschrank an, damit ich Milch und andere leicht verderbliche Nahrungsmittel darin unterbringen konnte. Schon nach einer Woche bot mir die mütterliche Wirtin für 2,50 Dollar die Woche täglich ein Abendbrot an. Am Ende der ersten Arbeitswoche besaß ich bereits 38,40 Dollar Lohn und fühlte mich so reich wie ein Krösus. Die Kaufkraft eines kanadischen Dollars war wesentlich höher als die Deutsche Mark.  Trotzdem wurde „Sparenmüssen“ zur täglichen Devise. Allerdings war die Anschaffung einer Schreibmaschine dringend nötig, denn man wollte ja nach Hause berichten und gleich mit mehreren Durchschlägen, für Mutter und alle Geschwister. Außerdem sollte meine Ehefrau Irmel einen Pelzmantel zum bevorstehenden Weihnachtsfest bekommen. Das waren Ausgaben, die ich verantworten konnte.

Im übrigen war das Leben in Montreal sehr billig: Unterkunft 7,50, Straßenbahn 1,00, Lebensmittel 3,00, zusammen also 11,50 Dollars. So konnte ich es mir leisten, ins Kino zu gehen und mir zwei Filme zu gönnen für 65 Cents. Es war ja eine gute Gelegenheit, die englische Sprache richtig aussprechen zu lernen. Trotz aller Genügsamkeit konnten 25 Dollars pro Woche auf die Seite gelegt werden. Welch ein Reichtum! Einige Preise von damals mögen heute interessieren: 1 Liter Milch 15 Cent, ein Dutzend Eier 25 Cent, ein Laib Brot 17 Cent, ein Hemd waschen und bügeln 9 Cent, eine Straßenbahnfahrt dasselbe oder 12 Fahrten für 1 Dollar. Wäre die persönliche Einsamkeit nicht gewesen, hätte ich mich fast wie im Schlaraffenland gefühlt!

Aber dagegen half zum Glück die Arbeit in der Goldschmiede! Bald fand ich heraus, dass die Lehrjahre im Goldschmiedgewerbe in Deutschland und das Gelernte recht nützlich waren.  Ein anderer Goldschmiedebetrieb bot mir einen Vorarbeiterposten an und damit höheren Lohn, beides nahm ich gerne an. Die Sache ließ sich zunächst ganz gut an, solange bis die französischen Mitarbeiter neidisch auf den guten Vorarbeiterposten wurden. Sie sagten, die Einwanderer schnappten alle guten Jobs weg. Ich kümmerte mich weiter nicht um das Gerede.

Für mich war es der erste Herbst und Winter im neuen Land, das voller Entdeckungen und Wunder angefüllt war. Ich lernte Freunde kennen und das Land entdecken. Unbeschreiblich waren die Farben des Herbstes in den Laurentians, einem Bergzug nördlich von Montreal. Allerdings war der sich anschließende Winter eiskalt und schneereich. Er gab einen eindrücklichen Begriff vom kanadischen Winter. Da wurde deutlich, dass nicht alles, was einem vor der Einwanderung erzählt wurde, Märchen waren.

In Deutschland war inzwischen meine Tochter Cornelia zur Welt gekommen. Bald befanden sich Mutter und Kind in so guter Verfassung, dass an den für die beiden Großeltern schmerzlichen Zeitpunkt der Abreise in die neue Welt gedacht werden konnte. Die beiden Großmütter begleiteten Mutter und Kind nach Bremen. Dort wurden die beiden Passagiere und der restliche Hausrat auf der SS Columbia eingeschifft. Wieder störte ein Sturm die Reise nach Kanada, die Irmel allerdings nicht viel ausmachte, denn sie war zu sehr mit ihrer kleinen Tochter beschäftigt.

Im Sommer 1954 trafen meine Frau Irmel, Cornelia und der Hausrat in Montreal ein, zur übergroßen Freude des frisch gebackenen Vaters. Welch ein Glücksgefühl erfüllte mich, als ich zum ersten Mal meine kleine Tochter auf dem Arm halten durfte! Solange Vater und Tochter sich näher kennen lernten, musste Irmel noch alle die Formalitäten wegen der Einwanderung erledigen. Wieder waren wir beide den kanadischen Behörden als Dolmetscher behilflich. Man kann es sich nicht vorstellen, wie viele Menschen nach Kanada einwandern wollten ohne eine Spur der Landessprache zu beherrschen. Wieviel Wagemut ist dazu nötig!

Ein Schweizer Freund hatte mir sein Auto geliehen, damit ich meine Familie vom Hafen abholen könne. Langsam fuhren wir durch das frühlingshafte Montreal unserem ersten Zuhause entgegen. Dieses hatte ich als junger Vater rechtzeitig mit auf Pump gekauften Möbeln behaglich ausstaffiert. Ich wollte nicht, dass es meiner Frau so erginge wie mir, als ich auf einem Packen Zeitungen schlafen musste, weil ich noch keine Möbel besaß.

Die Wohnung, „Flat“ genannt, wurde mit einem anderen Einwanderer-Ehepaar geteilt, das wir von der ersten Bleibe her noch kannten. Damals betrug die Miete 80 Dollar im Monat, die, in zwei Raten aufgeteilt, erschwinglich war. Die Wohngemein schaft war so harmonisch, dass sie bald in Freundschaft überging und auch dann noch anhielt, als jedes Paar seiner eigenen Wege ging.

Die Möbelschulden wurden abbezahlt, der erste Winter für Mutter und Kind wurde ertragen und so gewöhnte man sich an das kanadische Klima, das nicht ganz so hart war. Der Frühling beginnt hier etwas später, dafür ist der Sommer früher dran und der Herbst dauert länger. Der Winter natürlich, der erscheint einem immer zu lang.

Der Beruf des Goldschmieds war in Kanada doch nicht ganz der richtige. So wurde herum experimentiert. Im Sommer 1954 verkaufte ich Enzyklopädien. Das Geschäft ging zunächst recht gut solange bis der Händler Berndt, nämlich ich, dahinter kam, dass der Verlag Unsummen verdiente, die aber den Kunden gegenüber nicht mehr vertretbar waren. So lernte ich wieder neue Bekannte kennen und der Freundeskreis wurde groß und größer. Es waren nicht immer Einwanderer, mit denen wir natürlich viel gemeinsam hatten, sondern auch eingesessene Kanadier, so daß wir immer mehr vom kanadischen Leben und seinem Milieu und seinen Bräuchen mit bekam.

Für vier Jahre lang arbeitete ich in einem Betrieb als Vormann, Modellmacher, Einkäufer, kurz gesagt als Mädchen für alles gegen einen Dollar in der Stunde. Damit die Kasse stimmte, musste ich oft 70 bis 80 Stunden in der Woche schuften. Als Extrabelohnung und damit die Ehefrau der langen einsamen Stunden wegen nicht rebellierte, bekam die kleine Familie vom „Boss“ einen Fernseher geschenkt, der damals gerade anfing, populär zu werden. Außerdem gab es, je nach finanzieller Lage des Betriebes, einen Bonus zu Weihnachten, der bis zu 300 Dollar betragen konnte. Natürlich konnte dies alles die eigentliche Unterbezahlung nicht kompensieren.

Erst später fand ich heraus, dass Goldschmiede damals schon bis zu zwei Dollar die Stunde verdienten. So kann man die ersten vier Jahre in Kanada im wahrsten Sinn des Wortes als Aufbaujahre bezeichnen.  Man lernte kanadisches Geschäftsgebaren kennen und knüpfte einige Verbindungen, die später von gutem Nutzen waren. Man konnte eine Anzahlung auf ein eigenes Haus wegstecken und das Allerschönste für unsere kleine Familie fiel auch in diese Zeit.

Nachdem Irmel vom Herzdoktor „grünes Licht“ bekam, wurde ein Geschwisterchen für Cornelia bestellt. Im nächsten Frühjahr konnte die kleine Familie zum ersten Heimflug nach Deutschland starten. Das war eine riesengroße Freude ringsherum! Der Flug wurde damals nach dem „Fly now – pay later“ – Plan finanziert, denn die Flugbilletts waren noch so teuer, dass sie bis Ende der Achtzigerjahre den teuersten Flug darstellten. Und nebenbei war es auch der längste Flug.

Wir haben über die Jahre hinweg noch viele Deutschlandflüge unternommen an Stelle der Urlaube.  Auf diese Weise konnte die enge Verbindung mit der Familie in der alten Heimat bestehen bleiben.

Im November 1958 war es so weit! Der Stammhalter des Familienzweigs in Kanada wurde geboren und die jungen Eltern samt ihrer kleinen Tochter Cornelia waren überglücklich über den Familienzuwachs. Der junge Vater verbrachte den ganzen „Tag der Geburt“ bei den beiden „Frauen“ im Krankenhaus und verärgerte dadurch seinen Chef, der ihn infolgedessen kurzerhand an die „Luft“ setzte.  Hitzige Worte wurden am Telefon gewechselt und langsam wurde dem Angestellten B. klar, dass der Chef fürchtete, er müsste die längst fällige und wohlverdiente Aufbesserung bezahlen. Denn der Familienzuwachs und der bevorstehende Umzug ins neue, eigene Haus konnte bei einem Dollar Stundenlohn beileibe nicht finanziert werden. Das war also das Ende der bis dahin längsten Arbeitsverbindung im neuen Land.

Es kam vieles auf einmal zusammen bei der „deutschen“ Einwandererfamilie: Der Umzug von Quebeck ins eigene Haus, Renés Geburt, der Verlust des Arbeitsplatzes usw. Hätte man nicht jugendlichen Enthusiasmus und das viele „Adrenalin der Zufälle“ im Blut gehabt, das einen auf Hochtouren hielt, hätte man am Zusammenprall der Ereignisse verzweifeln können.

Doch wie es so häufig die Regel ist unter den Einwanderern: Alles half zusammen. Gerhard, der gute Freund, der damals vor vier Jahren mit in der gemeinsamen Wohnung hauste, stellte nicht nur sich selbst, sondern auch seinen Lastwagen zur Verfügung, den er als Baumgärtner brauchte. So selbstlos war er damals und ist es heute noch. Mit Sack und Pack und Gerhards Hilfe bezogen wir mitten in einem ungeheuren Schneegestöber unser eigenes, neues Haus in Pierrefonds, dem westlichsten Vorort Montreals und 20 km von diesem entfernt.

Der lebenswichtige neue Job wurde ebenfalls gefunden. Zuvor hatten wir Heimarbeit gemacht, um das Notwendigste zu verdienen und den Umzug bezahlen zu können. Mit dem neuen Job stieg der Verdienst auf die ersehnten zwei Dollar pro Stunde.

Aber man kann nicht in einem Vorort wohnen, der 6 km vom nächsten Bahnhof entfernt ist, ohne ein eigenes Auto zu haben. Auch die wöchentliche Einkaufsfahrt zum Supermarkt, wo alles, was man die Woche über benötigte, besorgt wurde, war ohne ein solches Gefährt undenkbar. Also erstand ich einen alten englischen Wagen, nämlich einen stark gebrauchten Hillmann, – mein erstes Auto! Es war schon recht gebrechlich. Ein Beispiel dafür: Utes Seekiste musste auf den Hintersitz geladen werden, als sie in Quebec von mir abgeholt wurde. Wegen dieses zusätzlichen Gewichtes konnten sie nicht schneller als 80 Stundenkilometer fahren, die Kupplung wäre sonst durchgeschliffen.

Die vielen unvorhergesehenen Ereignisse und der Umzug hatten die letzten Spargroschen verschluckt. Den Weihnachtsbaum fürs erste Weihnachtsfest im eigenen Haus konnte die Familie erst am Heiligen Abend erwerben, weil zu diesem Tag die Preise auf einen Dollar pro Stück gefallen waren. Den Baumschmuck bastelten wir selbst. Gleichgültig wie sehr gespart werden musste, es war das schönste Weihnachten für die junge Familie, dem ersten im eigenen Heim und der Auftakt für eine Reihe, sehr, sehr glücklicher Jahre.

Über 19 Jahre lang bildete dieses aus eigener Kraft geschaffene Heim den Mittelpunkt einer glücklichen Familie. In Pierrefonds besuchten Cornelia und René die Schule, und später, auch von hier aus, die Oberschulen. Die ganze Familie war fest mit dem Leben der Vorortsbewohner verwachsen. Sie waren im Kegel- und Motorsportklub. Die Kinder hatten viele Freunde. Cornelia durfte ins Ballett gehen, ja, es wurde ihr sogar ein Platz in der Nationalen Ballettschule in Toronto angeboten. René wurde zum passionierten Fußball- und Hockeyspieler. Seine Fußballmannschaft wurde sogar kanadischer Meister für Jungen unter 18 Jahren.

Das glückliche Haus bot auch vielen Besuchern Raum, die für kürzer oder länger Aufenthalt suchten.
(Der Beitrag wurde redigiert durch Kusine Wabi.)

Fotos: privat, in Ballinstadt

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