Sturm-Frauen – digital

14. Feb 2016

Die Künstlerinnen der Avantgarde 1910 – 1932

logo(esk) In drei Tagen geht dann also eine wunderbare Ausstellung zu Ende – die Sturm-Frauen in der Frankfurter Schirn. Wir hatten auf unseren Seiten ganz bewußt nicht darüber berichtet, das Netz und die Medien ganz allgemein waren ja gut bestückt mit Berichten, Besprechungen, Bildern und mehr. Aber nun, kurz vor Schluß, möchten wir dann doch nicht versäumen, wenigstens diesen einen Hinweis zu geben.

Und dieser Hinweis ist uns deswegen ganz besonders wichtig, weil er unser Selbstverständnis betrifft – das digitale Lernen und die Möglichkeiten aufzuzeigen, die uns durch das Internet geboten werden können, wenn wir die Ausstellung nicht besuchen können. Bezogen auf die Ausstellung „Sturm-Frauen“ heißt es, dass es im Netz, auf den Seiten der Schirn, ein bemerkenswertes Digitorial gibt. Schnell erklärt: ein Digitorial ist ein digitales Lernprogramm. Wir hatten zur Monet-Ausstellung ja schon einmal so etwas vorgestellt. Und hier ist es wieder ganz hervorragend umgesetzt!

Es geht also so: Hintergründe zum Thema der Ausstellung in Form von Dokumenten oder Fotos, gerne auch zu zoomen, oder kleine Hördateien oder gar Filme kann man sich hier ansehen bzw. anhören. Texte sind kurz gehalten, wer mehr erfahren will, schaltet weitere zu. Auch die wunderbaren Bilder der Künstlerinnen gibt es natürlich zu sehen. Das Ganze aber nicht einfach aneinandergereiht, nein, man kann je nach den eigenen Wünschen und Bedürfnissen weitere Informationen selbst dazu schalten.

Es geht um die Möglichkeit Hintergründe zum Thema der Ausstellung zu erfahren, verschiedene weitere Dokumente oder auch kleine Hördateien oder gar Filme anzusehen bzw. anzuhören. Auch die wunderbaren Bilder der Künstlerinnen gibt es natürlich zu sehen. Das Ganze aber nicht einfach aneinandergereiht, nein, man kann je nach den eigenen Wünschen und Bedürfnissen weitere Informationen selbst dazu schalten, Pfeile oder Pluszeichen sind hier Schaltflächen zum Anklicken.

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„Sehen Sie, Fräulein, es gibt zwei Arten von Malerinnen, die einen möchten heiraten und die anderen haben auch kein Talent“. (Simplicissimus, 1901)

Zunächst einmal geht es gar nicht um die Frauen, es geht um die Stimmung in Deutschland, dem Wilhelminischen Zeitalter, verkrustet und auf der Stelle tretend. Aber es brodelt unter der Oberfläche, vor allem in Berlin. Eine neue Zeitschrift, DER STURM, erscheint, herausgegeben von Herwarth Walden. Aber warum überhaupt dieser Name und warum er? Er zeigt in seiner neuen Galerie neue Bilder, verstörende Bilder von neuen Künstlern. Und mit dabei waren eben auch Künstlerinnen – unerhört für diese Zeit. Aber warum das nun wieder? Und was hatte Else Lasker-Schüler damit zu tun.

Betroffen von den Beschränkungen dieser Zeit waren die Künstlerinnen, deren Namen man hier nun endlich erfährt und natürlich mehr über sie und ihr Werk. Eine Frage sei erlaubt: Welchen der Namen kennen Sie? Vjera Biller, Marcelle Cahn, Sonia Delaunay, Marthe Donas, Alexandra Exeter, Natalja Gontscharowa, Helene Grünhoff, Jacoba von Heemskerck, Sigrid Hjertén, Emmy Klinker, Magda Langenstraß-Uhlig, Else Lasker-Schüler, Gabriele Münter, Hilla von Rebay, Lavinia Schulz, Maria Uhden, Nell Walden oder Marianne von Werefkin? Sicherlich mag Gabriele Münter bekannt sein, vielleicht auch Marianne von Werefkin, aber sonst? Ging mir auch so. Aber nun, nach dem Digitorial zu den Sturm-Frauen, weiß ich mehr.

Neben dem eigentlichen Thema erfahren wir aber auch, kurz und knapp über das Leben in der pulsierenden Großstadt Berlin. Wie waren die Lebensumstände für die Menschen? Trotz wirtschaftlichem Aufschwung gab es immer mehr Verlierer, politische Unruhen waren die Folge. Und in dieser Welt die STURM-Galerie mit Kunst und Literatur, eher ein Mikrokosmos denn ein Teil des Alltags. Oder was „half“ gegen die Auswirkungen des 1. Weltkriegs, was lenkte ab, wie versuchte man sich den Alltag zu „versüßen“, welche Strömungen nahm man auf? Schauen Sie sich doch einfach mal einen alten Stummfilm an – nachdem Sie einen Eindruck gewonnen haben von der künstlerischen Auseinandersetzung mit der Welt am Abgrund.

Dazu wurde man internationaler, durch Künstlerinnen aus Osteuropa, für die sich Herwarth Walden interessierte. Aber warum und was brachten sie neu ein in die moderne Kunst? Hier gibt es Antworten und Beispiele ihrer Kunst zu sehen und zu verstehen. Und dazu gehört mit der weiter voranschreitenden Zeit auch immer wieder der Rückgriff auf die politische Lage in Deutschland in Europa.

So schwer die Zeiten bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten auch waren, für die Künstler gab es viele Möglichkeiten Neues auszuprobieren, neue Stile zu wagen, mit ihnen zu experimentieren. Und dazu trugen zahlreich und vielfältig auch die Frauen bei, ungeachtet der vorherrschenden Meinung ob ihrer Fähigkeiten. Sie hatten nun mehr Freiheiten, sie arbeiteten, rauchten, tranken – alles entgegen der klassischen Geschlechterrollen. Die Auswirkungen, die Bedeutung daraus hat ihre Werke geprägt. Auch darüber kann man in diesem Digitorial viel erfahren, z.B. indem uns Frauen-Porträts erläutert werden.

Foto: privat

Foto: privat

Es blieb aber nicht bei bildender Kunst und Literatur, auch der Ausdruckstanz und das Theater wurden zum Kunstwerk, zum Ausdruck der modernen Zeiten. Die dazu entworfenen Ganzkörperkostüme, grell und bunt treten Toboggan-Frau und Toboggan-Mann auf. Die 20er Jahre galten als Hochphase des expressionistischen Ausdruckstanzes.

Und konnte Frau davon leben? Nein, sie erzielten für ihre Werke nicht die Preise wie ein Kandinsky etwa. Also versuchten sie sich auch an Gebrauchsgegenständen – Wohneinrichtungen, Stoffe und Mode, Bühnenbilder, Buchumschläge. Und da kommt nun die nächste Kunstrichtung dazu: das Bauhaus des Walter Gropius. Es ist spannend zu sehen wie das zustande kam.

Als jüngstes Medium erfährt auch der Film die Auswirkungen der neuen Kunstrichtungen. Die futuristisch-utopistische Marsgesellschaft, ein Science-Fiction-Abenteuer aus der Sowjetunion, ein bahnbrechender Film, erlangte vor allem durch die Künstlerin Alexandra Exeter seinen Erfolg. Gemeint ist der Stummfilm „Aelita“, von dem auch hier ein Ausschnitt zu sehen ist. Sehenswert!

Mit dem Jahr 1932 endet diese Ära, Herwarth Walden verkauft seine Galerie, vererbt die Bilder seiner Frau, die diese vor den Nazis in die Schweiz retten konnte. Und was passierte mit den Künstlerinnen danach? Sicherlich, aus dem Blickfeld verschwunden. Aber hier, wie natürlich auch in der Ausstellung, wird ihre Geschichte eindrucksvoll neu erzählt.

Das Digitorial finden Sie hier: Sturm-Frauen

Und wer noch mehr zum Thema lesen und lernen möchte, etwa über den Begriff Avantgarde, über den Film Aelita, über Nell Roslund, die Frau Herwarth Waldens, über Gabriele Münter, darüber hinaus einen Podcast zu Expressionismus und Tanz, sollte sich das Magazin der Schirn vornehmen: Blick nach vorne – Die Avantgarde

Ellen Salverius-Krökel

 

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