30 Jahre deutsche Einheit I

7. Okt 2020

Todesopfer des Eisernen Vorhangs – online recherchieren

Auch das gehört zum Gedenken – unser Umgang mit dem Erbe „Todesstreifen“ zwischen DDR und Bundesrepublik. Und dazu gehören eben die Todesopfer. Leider wird in der Presse auch über einen Streit hinsichtlich der Definition, wer denn nun Grenzopfer war und wer nicht, berichtet. Erstaunlich finden wir. Bemerkenswert aber vor allem das neue Online-Handbuch.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hatte, pünktlich zum 3. Oktober, im Feuilleton über unseren Umgang mit dem Erbe „Todesstreifen“ zwischen DDR und Bundesrepublik berichtet. Erwähnung finden, natürlich, auch die Grenzopfer, derer auf unterschiedliche Weise gedacht wird. Es geht dabei auch um die Frage, ob Grenzsoldaten dazu gehören, weil sie entweder von Flüchtlingen erschossen wurden oder aus Verzweiflung über ihre Situation im Grenzdienst Suizid begingen. Eine schwerwiegende Frage. Ein neues Handbuch stellte sich dieser Frage und erntet nun Kritik.

Zunächst: Zu finden sind alle Opfer in einem neuen Handbuch: „Die Todesopfer des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze 1949 – 1989“. Und dazu werden in diesem Handbuch eben auch die Grenzsoldaten gezählt. Das konnte nicht ohne Streit bleiben, denn die Kulturstaatsministerin Grütters hat etwas gegen diese Definition, wer Opfer der Grenze ist und wer nicht. Sie fügte dann noch hinzu, dass sie sich da nicht festlegen wolle, schließlich sei sie Politikerin und nicht Wissenschaftlerin. Da kann man nur sagen: eben drum.

Diese Kritik der Kulturstaatsministerin brachte uns mal wieder dazu, näher hinzuschauen. Veröffentlicht hat dieses digitale Handbuch ein Forschungskonsortium der Freien Universität Berlin, der Universität Greifswald und der Universität Potsdam, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Es enthält Biografien von Männern, Frauen und Kindern, die am Eisernen Vorhang ums Leben kamen. Nunmehr kann also jede/jeder nach Biografien und Todesumständen selbst recherchieren, und zwar nicht nur an der innerdeutschen Grenze, sondern an den Grenzen anderer Ostblockstaaten oder in der Ostsee tragisch gescheitert sind. Unter https://todesopfer.eiserner-vorhang.de/ gibt es Text und Bild, mit Suchfunktion für die Opfer nach Namen, über Landkartenausschnitte sowie eine Filter- und Volltextsuche, aber auch die Möglichkeit per Fallgruppen und Personengruppen zu suchen und zu finden.

Untersucht hatte der Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität seit November 2019 in Kooperation mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus den ehemaligen Ostblockstaaten Grenzzwischenfälle am Eisernen Vorhang, bei denen DDR-Flüchtlinge und in einigen Fällen Bundesbürger ums Leben kamen. Das Forschungsteam der Universität Greifswald recherchiert seit Juli 2019 die in der Ostsee gescheiterten Fluchtversuche, bei denen DDR-Bürger zu Tode kamen. Die Internetseiten des Forschungskonsortiums „Eisernen Vorhang – Tödliche Fluchten und Rechtsbeugung“ sind erreichbar unter: https://www.eiserner-vorhang.de/projekt/index.html

Und da die Forschungen noch nicht abgeschlossen sind, werden weitere Ergebnisse weiterhin in das Online-Handbuch eingepflegt; zugänglich sind seit dem 3. Oktober 2020 also erst Teilergebnissen der Projektforschung. „Durch den Landkartenzugang und die Filterfacetten ist es möglich die regionalen oder Orte der Zwischenfälle am Eisernen Vorhang aufzusuchen sowie die Herkunft der Betroffenen und ihre Fluchtwege nachzuvollziehen“, erläutert Dr. Jochen Staadt Projektleiter im Forschungsverbund SED-Staat.*

Das Angebot, richte sich insbesondere an schulische Einrichtungen und regionale Institutionen der politischen Bildung. Durch das Online-Handbuch sollen zudem Verwandte, Freunde und weitere Zeitzeuginnen und Zeitzeugen erreicht werden, deren persönliche Auskünfte zur Ergänzung oder auch zur Berichtigung der rekonstruierten Biografien beitragen können, wie Jochen Staadt hinzufügte. In das Handbuch sind Ausschnitte aus bereits geführten Zeitzeugeninterviews eingefügt. Zu einem späteren Zeitpunkt werden weitere vom Center für Digitale Systeme (CeDiS) der Freien Universität Berlin geführte und aufbereitete Interviews in einem digitalen Interviewarchiv für wissenschaftliche und pädagogische Zwecke nutzbar sein.*

Das Biografische Handbuch ist eine sogenannte Open-Encyclopedia-System-Anwendung (OES), die vom Center für Digitale Systeme der Universitätsbibliothek an der Freien Universität Berlin entwickelt wurde. Das OES ist eine standardisierte Open-Source-Plattform, mit der Online-Enzyklopädien frei zugänglich (Open Access) im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften erstellt und veröffentlicht werden können. *

* Zitiert aus der Pressemitteilung Carsten Wette, Stabsstelle für Presse und Kommunikation der Freien Universität Berlin
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