Siebzig Jahre Witwe –, auch das war der I. Weltkrieg

1. Okt 2015

(ez) Wenn in diesen Tagen immer wieder des Beginns des I. Weltkrieges gedacht wird, dann wird einem ganz schwindelig unter der Wucht der Zahlen. Abertausende von jungen Menschen sind einem sinnlosen Gemetzel zum Opfer gefallen, Städte und Dörfer wurden zerstört, Familien auseinander gerissen, Landschaften verschandelt durch Panzer und anderes Kriegsgerät.

Statistiken über gefallene Soldaten, die Aufzählung von zivilen Opfern, über elternlose, vor allem vaterlose Kinder, sagen nichts Konkretes aus über die einzelnen Schicksale. Wenn man aber hört, was der Krieg dem Einzelnen an Leid und Elend zugefügt hat, wird uns das Ausmaß der Zerstörung viel eher bewusst. Neben dem materiellen Schaden ist der Verlust an Vertrauen, an Zukunftshoffnung, am Glauben an das Gute im Menschen zu beklagen.

feldpostkarte vom großvater e.zornWitwen und Waisen, die oft vergessenen Kriegsopfer
Mir fällt in diesen Tagen das lange und einsame Leben meiner Großmutter mütterlicherseits ein. Einsam deshalb, weil sie wegen des I. Weltkrieges 70 Jahre lang Witwe war. Zum Glück lebte sie mit der Familie ihrer Tochter (bis zu ihrem Tode mit 90 Jahren) zusammen. Den verlorenen Ehemann und Gefährten konnten diese natürlich nicht ersetzen.

Schon bald war wieder Krieg
Es kam erschwerend hinzu, dass der II. Weltkrieg schon 1942  die Familie wieder voneinander trennte. Meine Großmutter musste sich damals (Ende Oktober 1944) mit ihrer Tochter und den beiden Enkelinnen durch eine überstürzte (wenn auch erwartete) Flucht vor den Partisanen in Jugoslawien in Sicherheit bringen. Zunächst war das eine Flucht ins Ungewisse, denn der Krieg in Deutschland war ja noch nicht zu Ende. Die Flüchtlingstransporte wurden immer wieder durch Bombenangriffe aufgehalten, überall waren Menschen mit ihrer Habe  unterwegs, suchten Unterkunft und Nahrung. Beides war aber nicht einmal ausreichend für die Einheimischen vorhanden, geschweige denn für die Zugereisten. Ohne die Großmutter wäre es meiner Mutter z.B. nicht möglich gewesen auf anstrengenden „Hamsterfahrten“ Lebensmittel zu beschaffen, denn meine Mutter hatte ja zwei Kleinkinder zu versorgen. Meine Großmutter fuhr auf dem Trittbrett von Güterzügen oft sehr weit aufs Land, um bei Bauern um ein paar Kartoffeln zu erbetteln. An Milch und Butter war nicht zu denken. Auf diese Weise waren unzählig junge Frauen und leider auch gebrechliche Alte unterwegs.
Erst sehr lange nach Kriegsende war die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln einigermaßen gebessert. Die amerikanische Bevölkerung hat mit den CARE-Paketen dazu beigetragen.
Mein Vater kam erst Ende 1947 aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurück.

Mit dem I. Weltkrieg fing für die Welt viel Unglück an
Wie die Versorgung der Bevölkerung während des I. Weltkrieges bewerkstelligt wurde, weiß ich nicht genau. Ich weiß jedoch, dass das ganz persönliche Unglück meiner Großmutter, die 1893 in der Batschka (deutschsprachiges Gebiet in der Pannonischen Tiefebene) geboren wurde, im Mai 1914 begann, als ihr Mann, der Vater ihrer beiden Kinder als Soldat eingezogen wurde und nicht mehr zurückkam. Er ist schon im Mai 1916 in der Nähe von Rovereto gefallen. Zurück blieb seine zwanzigjährige Witwe mit den beiden Töchtern.

Von Anfang an hat Peter Mattes Tagebucheintragungen gemacht, die meine Großmutter uns Kindern immer gerne vorlas. Ich habe das Tagebuch geerbt und an das Deutsche Historische Museum in Berlin geschickt, wo es in die Abteilung „Kollektives Gedächtnis“ aufgenommen wurde.
Das dort gesammelte Material ist sehr informativ für Historiker und für interessierte Laien.

Den Link füge ich bei:

http://www.dhm.de/lemo/forum/kollektives_gedaechtnis/415/

Eleonore Zorn, Mannheim

P.S.: Die Schreibweise der Orte wechselt vom Ungarischen ins Kroatische und Deutsche, da der Geburtsort der Großeltern ein Grenzort war, der in der k.u.k.-Monarchie „Szent Fülop“ hieß, später Filipovo. Die Amtssprache war bis zum Beginn des I. Weltkrieges  Ungarisch. Umgangssprache war aber auch Kroatisch und Alltagssprache der dort lebenden „Donauschwaben“ war zu Hause immer Deutsch. In Deutsch hieß der Ort Filipova, was „Philippsdorf“ heißt.

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